Die Legende vom Hahn – Rates-Barcelos

Da die Herberge selbst über keine Frühstücksmöglichkeit verfügt und es in Rates selbst auch nur begrenzte Angebote gibt, wollen wir der Empfehlung von Herbergsvater Tom folgen. Er meinte, dass wenige Kilometer außerhalb des Ortes ein wunderbares Café im Freien gibt, wo wir unbedingt hinmüssten. Das hätte es auch werden können, aber leider hat es zu dieser Uhrzeit noch nicht geöffnet. 
 
Auf dem Weg überholen wir andere Pilger und werden überholt. Ich merke, dass es einen inneren Anspruch gibt, wieder aufzuholen und nicht Letzter zu sein. Raik scheint es ähnlich zu gehen, aber er hat einen Vorteil – er macht größere Schritte!
 
Das lässt mich darüber philosophieren, wie ich durchs Leben gehe. Im Vergleich zum Rest meiner Familie laufe ich eher langsam. Ich bin immer wieder erstaunt, dass meine Frau und besonders unser Sohn, trotz der kleineren Körpergröße immer schneller laufen als ich. Meine Erklärung dazu ist: Ich habe keine Eile im Leben, lasse mich eher treiben und von den vielen mich umgebenden Dingen inspirieren, aber oftmals auch ablenken.
 
Wie zum Beispiel von den wunderschönen Pflanzen am Wegesrand.
 
Einige Kilometer weiter entdecken wir ein Hinweisschild für ein Café. Wir machen den kleinen Umweg, da der Hunger nun auch da ist. Klar, mit dem Proteinshake von Ringana und meinen vielen Energieriegeln würde ich locker über den Tag kommen, aber so ein frisches Frühstück ist halt doch noch was anderes. Bei der Bezahlung denke ich, die Bedienung hat etwas vergessen, so günstig ist der Gesamtpreis für 2 Kaffee, Saft und Croissants. Aber es ist alles korrekt und halt ein ganz anderes Preisniveau, als wir es mittlerweile in Deutschland haben. Dass es auch anders geht, erleben wir an unserem Abreisetag in Porto, aber dazu später mehr in dieser Episode.
 
Wir laufen weiter auf Wald- und Feldwegen bzw. wenig befahrenen Straßen. Bei Raik macht sich unterdessen das Knie bemerkbar, bei mir die Wärme und schmerzende Schultern. Zum Glück ist es heute nicht so weit – gerade einmal 16 km.
 
Laut unserem Reiseführer soll es einen lohnenden kleinen Abstecher zu einer Anhöhe geben. Aber aufgrund der Wärme, sowie diversen körperlichen Befindlichkeiten, sind wir unkonzentriert und finden diesen nicht.
 
Raik hat unterdessen immer mehr mit seinem Knie zu kämpfen und befürchtet bereits das Schlimmste – Aufgabe! Daher verbringen wir einige Kilometer eher schweigend, jeder ist mit sich beschäftigt. Interessanterweise ist der häufigste Grund für Aufgabe, Blasen an den Füßen, die dann immer mehr Schmerzen bereiten. Bereits in Rates hatten wir ja einige, die sich mit Blasenpflaster getaped haben und auch heute treffen wir eine Pilgerin, die mit Blasen zu kämpfen hat und daher äußerst langsam läuft.

Nach einiger Zeit erreichen wir Barcelinhos, dem kleinen Vorort von Barcelos. Dort treffen wir auch das Pärchen aus Berlin wieder. Diese haben bereits erfolglos versucht, in eine der beiden empfohlenen Herbergen (Herberge des Wandervereins von Barcelinhos bzw. Herberge der Folkloregruppe in Barcelinho) unterzukommen, beide sind ausgebucht. 
 
Daher entscheiden wir uns spontan an der Ponte Medieval für eine der zahlreichen privaten Gästehäuser – das Casa da Ana Boutique Guest House. Wir überqueren die im 14. Jahrhundert erbaute mittelalterliche Steinbrücke und gehen hinauf zum historischen Ortskern, das nicht nur von den Ruinen des Sitzes vom Grafen von Barcelos geprägt ist, sondern insbesondere von der Legende vom Hahn, der omnipräsent im Stadtbild auftaucht.
 
Laut Überlieferung waren die Bürger des Ortes beunruhigt, weil ein Verbrechen begangen worden war und der Schuldige nicht gefunden werden konnte. Eines Tages tauchte ein Galizier auf, der sich verdächtig machte, und die Obrigkeiten beschlossen, ihn festzunehmen. Obwohl er seine Unschuld beteuerte, glaubte niemand seine Behauptung, dass er als Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela war, um dort ein Gelübde einzulösen.

Der zum Tod durch den Strang Verurteilte bat darum, dem Richter vorgeführt zu werden, der gerade mit einigen Freunden bei einem Essen saß, und wiederholte seine Unschuldsbekundungen. Als niemand ihm glauben wollte, deutete der Galizier auf einen gebratenen Hahn, der auf dem Tisch stand, und sagte: „So wahr ich unschuldig bin, so wahr wird dieser Hahn krähen, wenn ich gehängt werde.”

Und das, was niemand für möglich gehalten hatte, geschah! Als der Pilger gerade gehängt werden sollte, erhob sich der Hahn vom Tisch und krähte. Der Richter rannte zum Galgen, und als er sah, dass ein Knoten im Seil verhindert hatte, dass sich die Schlinge um den Hals des Verurteilten zuzog, ließ er ihn augenblicklich befreien und in Frieden seines Weges ziehen.

Einige Jahre später kehrte der Pilger nach Barcelos zurück und ließ ein Denkmal zu Ehren des Heiligen Jakob und der Jungfrau Maria errichten. 
 
Der bunte Hahn von Barcelos ist ein schönes Souvenir und gilt als eines der nationalen Symbole Portugals. Aus Platz- und Gewichtsgründen verzichteten wir darauf.



Worauf wir in dieser schönen kleinen Stadt nicht verzichten wollten, war ein schöner Abschluß des Tages mit einem leckeren Essen. Nachdem ich vom Bacalhau des Vorabends erstmal ein wenig Abstand vom portugiesischen Essen nehmen wollte, entdeckte ich das Bangkok Thai Restaurant – immerhin die Nr. 1 in Barcelos. Also reservierten wir für den Abend einen Tisch. Wir nutzten die Zeit und bummelten durch die schöne kleine Altstadt und besuchten u.a. die Barockkirche Templo do Senhor Bom Jesus da Cruz mit schönen Keramik-Elementen im Inneren der Kirche.
 
Neben der Überraschung, dass ein Thai-Restaurant in einer Stadt wie Barcelos das am besten bewertete Restaurant ist, wurden wir ein weiteres Mal überrascht, als uns die Inhaberin in perfektem Deutsch ansprach! Sie hatte einige Jahre in Frankfurt gearbeitet, bevor sie nach Portugal kam. Da noch nicht allzu viele Gäste da waren, suchten wir uns den besten Platz am Aquarium aus und genossen einen wunderbaren Abend bei leichtem und schönen Essen.
 
Leider konnten wir aufgrund der zunehmenden Zahl von Gästen nicht mehr herausfinden, was eine Thai bewegt hat, in Barcelos ein Restaurant zu eröffnen.
 
Nachdem es noch recht früh am Abend und sommerlich mild war, beschlossen wir runter zum Fluß zu gehen und den Abend dort zu beenden. Wir hofften auf eine schöne Illuminierung der Burgruine, hatten wir doch dort bei unserem Besuch kleine Lämpchen entdeckt. Leider wurde unser Wunsch nicht erfüllt, dennoch war es schön, mit den Füßen einfach im Wasser zu stehen.
 
Auf unserem Weg zurück zur Unterkunft kehrten wir noch auf einen Abendtrunk in der Wein- und Tapas-Bar Galo ein und zu unserer dritten Überraschung trafen wir auf einige unserer Mitpilgerinnen vom Vortag. Es gab ein großes Hallo, nette Gespräche und Drinks.
 
Dann hieß es aber doch mal den Weg ins Bettchen anzutreten. Die Casa Ana ist geschmacklich schön eingerichtet und hat eine super Lage im historischen Ortskern. Da das Zimmer recht warm war, entschieden wir uns die Klimaanlage anzumachen. Nach dem leckeren Essen und Trinken war ich recht schläfrig und schaute auch nicht, auf welche Gradzahl die Klimaanlage eingestellt war und schlief alsbald ein.

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